Höhenrausch und Abfahrtsglück – Grande Sassière by Bike

Anonymous

Alleine ist man auf dem Gipfel nicht – die 3.748 Meter hohe Grande Sassière in den französischen Alpen ist ein beliebtes Ziel bei Bergsteigern. Doch dass jemand sein Mountainbike mit auf den Gipfel schleppt und den Abstieg dann auf zwei Rädern bewältigt, das ist selten. So sorgten Andrea Potratz, Claudia Potratz und Roland Ast denn auch für viel Aufsehen, als sie ihr von langer Hand geplantes Projekt „Grande Sassière by Bike“ in die Tat umsetzten. Am frühen Morgen des 27. August starteten sie von ihrem Basislager am Stausee Le Saut auf 2280 Metern Höhe aus, um die 1473 Höhenmeter zum Gipfel in Angriff zu nehmen. Ein langer, steiniger Aufstieg, den sie zumeist schiebend oder mit dem Bike auf den Schultern bewältigten. Und dann das Glück auf dem Gipfel und der Adrenalinrausch bei der Abfahrt. Im Folgenden schildert jeder der drei Akteure seine Erinnerungen an diese ganz besondere Tour.

Roland: „Sonntag, 27. August 2017, 07:30 Uhr: wir stehen abmarschbereit mit geschulterten Bikes am Fuß des Berges. Das Projekt „Grande Sassière by Bike“ kann beginnen. Die ersten 350 hm führen über teilweise steile Almwiesen an einen felsigen Steilaufschwung. Kletterstelle! Danach folgt schottriges Gelände, in dem wir, das Bike durchgängig auf dem Rücken, zügig an Höhe gewinnen. Den nächsten Steilaufschwung umgehen wir links über einen sehr abschüssigen, verblockten Hang. Das wird spannend bei der Abfahrt!

 

Als wir wieder oben auf dem Bergrücken ankommen, sehen wir den restlichen Aufstieg vor uns. Na bravo! Der Anblick lässt uns erst mal tief Luft holen. Der Gipfelaufschwung ist viel höher als gedacht. Ich bin von 150 hm ausgegangen. Tatsächlich ist er jedoch 450 m hoch, bocksteil und der Weg führt teilweise sehr direkt zum höchsten Punkt. Dazu erscheint der weitere Anstieg bis zum Gipfelaufschwung noch kilometerlang, zwischen Gletscher linkerhand und senkrecht abfallender Felswand rechts. Immer reichlich Panorama, für das ich zugegebenermaßen kaum einen Blick habe. Von unserer Position wirken die Bergsteiger auf dem Gipfel klein wie Ameisen. Dennoch - keiner von uns hat Zweifel, dort hoch zu kommen. Und tatsächlich: nach etwa 4:30 h und 1.500 Höhenmetern stehen wir zu dritt, zusammen mit ein paar Bergsteigern, die uns mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Begeisterung ansehen, mit unseren Bikes auf dem Gipfel. Genialer Moment! Wir genießen es, den Ausblick, die Stimmung, die Begeisterung, das Gefühl.

 

Schon beim Aufstieg hat mich intensiv die Frage beschäftigt „hier auch wieder runter?!“. Und die Stunde auf dem Gipfel führt zu einer weiteren Fokussierung auf die Abfahrt, den zweiten, anspruchsvolleren Teil des Projekts „Grande Sassière by Bike“. Für das Hinauf musst du’s nur „im Kreuz“ haben. So habe ich es in meinem Vorbericht formuliert. Für das Runter brauchst du Kraft, Kondition, Mut, Fahrtechnik, noch ausreichend Körner und ganz besonders den passenden Kopf, um all das in sehr ausgesetztem Gelände auch sicher abrufen zu können. Was mir dabei hilft? Achtung, etwas zum Lachen: mein Ego, das gerne an der langen Leine läuft und die Zuschauer, denen die Zweifel über unser Abfahrtsvorhaben auf der Stirn stehen und denen ich es beweisen will! Deshalb auch mein klarer Entschluss: die Abfahrt beginnt am Gipfel, gleich mit einer kniffeligen Stelle, und nicht weiter unten. Maximale Konzentration, maximale Körperspannung, maximale Fokussierung und ich fahre in den extrem steilen und teilweise ordentlich ausgesetzten Gipfelhang ein. Erst spüre ich nur die Blicke der Zuschauer im Rücken und dann weiß ich: das ist heute mein Tag! Von den 1.500 Tiefenmetern kann ich geschätzt 95 % auf dem Bike bewältigen. Meine eigene „Vorgabe“, mein eigener Anspruch ist damit erfüllt. Das Ego gibt erst mal Ruhe.

 

In der „Ride“ stand als Fazit dieser Tour: „… ein umwerfendes Erlebnis für gute Fahrtechniker mit hochalpiner Erfahrung“. Das kann ich bestätigen. Mein Fazit: hoher Berg, hohe fahrtechnische Anforderungen, anspruchsvoller als gedacht! Insgesamt wohl die anspruchsvollste Eintages-Unternehmung, die ich bisher mit einem Bike gemacht habe. Und Luft nach oben ist noch immer da!

Das Erlebnis „Grande Sassière“ mit Claudia und Andrea teilen zu können, macht es für mich besonders wertvoll. Wir waren ein homogenes Team. Jeder war, weil verantwortungsbewusst, optimal vorbereitet, das heißt konditionell fit, fahrtechnisch stark, hoch motiviert und am Ende glücklich über diesen Erfolg. Wollen wir nächstes Jahr gemeinsam die Luft nach oben raus lassen? Ich bin dabei! Dafür braucht es halt noch ein Ziel… das sich aber bestimmt finden lässt!“

Claudia: „Der letzte Schritt hat einfach etwas von Erlösung. Die letzten 4.5 h schleppen wir uns und unser Bike hier hoch. Gefahren sind wir vielleicht 200 m, warum tun Menschen sich das an? Der Gipfel mit diesem Panorama gibt eine atemberaubende stillschweigende Antwort, noch nie war ich so tief zufrieden beim Bikebergsteigen wie dort oben. Vergessen sind all die Mühen, das Training, die Schulterschmerzen. Die Gruppe Wanderer hier oben schaut uns ungläubig an, der Respekt für unsere Leistung wird in mehreren Sprachen bekundet, manche haben uns angefeuert die letzen Meter. Das war toll. Aber auch wir verteilen Anerkennung für alle, die diesen Aufstieg geschafft haben. Das muss man im Pensionsalter zu Fuß auch erst mal schaffen...
Nach einer kurzen Stärkung geht es in die Abfahrt. Ich schiebe anfangs etwas mehr als die anderen zwei. Ist mir aber egal - Chirurgenhände vertragen keine Verletzungen und das Hochgebirge ist der falsche Platz für Experimente. Ich bin trotzdem erstaunt, wie fit wir alle noch sind und wie viel wir fahren können. Am Parkplatz umarme ich meine beiden Gefährten und weiß einfach, diesen Tag kann uns keiner mehr nehmen. Abends muss ich lachen: Andrea zeigt mir ein Foto und sagt, zwei Bartgeier hätten über uns gekreist. Ich bestelle ein Bier zum Essen und denke: Heute habt ihr uns nicht erwischt! :-)“

 

Andrea: „Wir hatten uns für unsere Tour tolles Wetter ausgesucht. Kaum Wind, und es wurde ein sonniger Tag. Somit war es auch am Gipfel gut auszuhalten. In der Sonne hatte es geschätzt 12 Grad, was für einen Gipfel in der Höhe auf jeden Fall sehr angenehm ist.

Das Bike lag praktisch von Anfang an auf unseren Schultern, wo es fast die ganze Zeit blieb. Nur kurze Abschnitte konnten geschoben werden und einen ganz kurzen Abschnitt konnten wir sogar fahren. Beim Hochgehen habe ich mir schon immer ein paar Gedanken über das Hinunterfahren gemacht, da wir ja dieselbe Strecke hoch wie runter sind. Diese Gedanken waren bei der Abfahrt dann aber wie weggeblasen. ;-)

Da es ein Sonntag war, war relativ viel Betrieb am Berg: natürlich überwiegend Wanderer bzw. Bergsteiger und dann noch eine andere Dreiergruppe Biker. Da wir mit unserem Zusatzgepäck etwas langsamer waren als die meisten Wanderer, hatten wir viele Überholbegegnungen, die aber immer sehr nett waren. Die meisten waren sehr beeindruckt, dass wir nicht nur uns selbst, sondern auch noch das Bike auch noch auf den Gipfel schleppen, und sie haben oft auch ungläubig gefragt, ob wir da auch wieder runter fahren wollen, was wir natürlich bejahten. Auf dem Gipfel haben sich dann alle gleichermaßen gefreut, oben zu sein - egal ob mit oder ohne Bike.

Insgesamt war der Aufstieg mit knapp 1500 hm Tragen und davon die Hälfte über 3000 m Höhe schon anstrengend. Ab ca. 3300 hm habe ich die dünne Luft deutlich gespürt und musste ziemlich schnaufen. Also schön langsam gehen und immer wieder Pausen machen, dann geht es gut und man kommt oben an, ohne allzu kaputt zu sein.

Oben zu sein war richtig klasse. Besonders die 360 Grad Aussicht war gerade an diesem Tag umwerfend. Belohnt wurden wir dann noch mit der Sichtung von vier Adlern und zwei Bartgeiern. Das sieht man auch nicht so oft.

 

Nach etwas Pause und ein paar Fotos ging es in die Abfahrt, die insgesamt doch deutlich technischer war als gedacht. Die Gipfelpyramide, bei der die Abfahrt begann, hatte ein Gefälle von ca. 90 Prozent (entspricht 40 Grad), rutschiger Untergrund und enge Serpentinen. Da braucht es maximale Bremskraft und Bikekontrolle, um solche Serpentinen auf dem Bike zu bewältigen, was dann aber auch gelang. Die Diskrepanz zwischen hohem Sauerstoffbedarf bei der großen Anstrengung und dem geringen Sauerstoffgehalt der Luft machte sich auch bergab bemerkbar. Mein Puls war gerade zu Beginn der Abfahrt genauso hoch, als würden wir den Berg hochgehen. Und wir mussten auch immer wieder Pausen machen, um zu atmen und Sauerstoff in Arme und Beine kommen zu lassen. Je tiefer wir kamen, desto besser wurde es.

Es gab bergab auch einige Stellen, an denen man das Bike tragen musste, weil das Gelände teilweise zu verblockt war oder auch ein paar leichte Kletterstellen bereit hielt. Diese Stellen waren aber immer nur kurz und insgesamt konnten wir trotzdem fast alle Höhenmeter fahrend bewältigen. Die letzten 350 Höhenmeter waren zwar steil, dann aber trotzdem noch richtig flowig durch die Wiesenhänge.

Nach insgesamt ca. 7:30 Stunden waren wir wieder glücklich unten am Stausee. Es war wirklich eine tolle Tour, ein schönes Gefühl mit Claudia und Olaf auf dem Gipfel zu stehen und dann den Berg fahrend im Downhill zu bezwingen. Ich als Fotograf hätte gerne etwas mehr Fotostopps eingebaut, um noch ein paar schöne Perspektiven mehr auf die Kamera zu bannen. Aber meine beiden Models waren immer so schnell enteilt, dass ich dazu leider nicht gekommen bin. Bis ich die Technik eingepackt hatte, waren die beiden schon weiter. Egal ob bergauf oder bergab - dann musste ich erst mal hinterher. Das nächste Mal werden sie angebunden… :-)

Noch ein paar Worte zum Material:

Syntace, SQlab und Propain begleiten uns ja schon mehrere Jahre auf unseren Touren und Trails. Auch bei diesem Projekt haben die Produkte dieser Partner wieder beste Arbeit geleistet und zur vollsten Zufriedenheit funktioniert. Auch Sponser und FitRabbit haben uns verlässlich wie immer mit Energie versorgt.

Relativ neu und noch nie bei einer solchen Tour gefahren, sind die Reifen von Vittoria und die Bremse (Direttissima) von trickstuff. Deswegen dazu ein paar Sätze mehr.

Wir sind überwiegend den Vittoria Barzo TNT in 2,35 Zoll Breite gefahren. Der Barzo ist eigentlich ein CrossCountry Reifen. Er hat aber auch in diesem Gelände vollkommen überzeugt. Keine einzige Panne - auch nicht in den zahlreichen Touren zuvor in hartem Gelände - super Grip und geringes Gewicht. Wirklich perfekt in solchem Gelände.

Die Direttissima von trickstuff hatte auch alle Hände voll zu tun, die Hangabtriebskraft in Grenzen zu halten. Das hat sie wirklich überzeugend hinbekommen. Kein Quietschen, fester Druckpunkt, einfach nur volle Bremspower - super! Und das, ohne Krämpfe in den Armen zu bekommen. Ebenso überzeugend sind die trickstuff Dächle UL Bremsscheiben, die sich auch bei noch so langen Abfahrten kein bisschen verziehen und immer perfekt geradeaus laufen, ohne dass die Bremse irgendwann zu schleifen beginnt. Gebremst haben wir mit den neuen Power-Bremsbelägen. So eine perfekte Bremse bin ich bisher noch nie gefahren.

Danke an alle Partner für das tolle Material, das solche Touren und Erlebnisse überhaupt erst möglich macht.“